Weltweit: Männer sterben früher
Fast überall auf der Welt gibt es dasselbe Phänomen:
Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer. Am größten
ist der Unterschied in Russland. Dort überlebt das so
genannte „schwache Geschlecht“ die Männer um stolze
zehn Jahre. In Frankreich sind es acht, in Japan sieben und
in Deutschland immerhin noch sechs Jahre. In nur acht
Ländern der Welt haben die Männer eine höhere Lebenserwartung.
Ein ungelöstes Rätsel
Seit vielen Jahren sind Wissenschaftler verschiedener
Fachrichtungen dem Geheimnis auf der Spur. Sie sind sich
einig, dass die Erklärungen für die unterschiedliche
Lebenserwartung der Geschlechter in zwei großen
Kategorien zu finden sind. Zum Einen sind da die biologischen
Faktoren, zum Beispiel Gene und Hormone. Sie sind
weitgehend festgelegt. Seit geraumer Zeit untersuchen
Forscher zum Beispiel den Einfluss der Geschlechtshormone
Östrogen und Testosteron auf das Immunsystem.
Aber es gibt noch keine eindeutigen Ergebnisse, denn
auch die biologischen Faktoren sind sehr vielfältig und
beeinflussen sich gegenseitig.
Zum Anderen sind da die verhaltens- und umweltbedingten
Faktoren. Diese sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich
und hängen vom Lebensstil des Einzelnen ab:
Essverhalten, der Konsum von Zigaretten und Alkohol, die
Stressbelastung, die Gesundheitsvorsorge, die Risikofreude
und noch vieles andere.
Bis vor wenigen Jahren konnten die Fachleute aber nur
darüber spekulieren, wie groß der Anteil der biologischen
Faktoren und der Anteil der verhaltens- und umweltbedingten
Faktoren jeweils ist. Denn innerhalb der Bevölkerung
gibt es sehr unterschiedliche Lebensstile, und teilweise
sind Männer und Frauen auch anderen Belastungen
in Beruf und Familie ausgesetzt. Also war es sehr schwierig,
beide Gruppen miteinander zu vergleichen – bis ein
junger Geograph eine Idee hatte.
Warum sterben Männer früher?
Das Kloster als Testfeld
Marc Luy, inzwischen Juniorprofessor an der Universität
Rostock, suchte nach einer Gruppe Menschen, in der
Frauen und Männer unter nahezu gleichen Bedingungen
leben. Und er fand sie im Kloster: Nonnen und Mönche. Sie
leben alle unter nahezu identischen Bedingungen: sie
pflegen einen einfachen Lebensstil, haben keinen gesellschaftlichen
Stress, keine finanziellen Probleme, keine
Konkurrenz um beruflichen und sozialen Aufstieg, keine
Partnerkonflikte und müssen sich nicht um die Erziehung
eigener Kinder kümmern. Mit den Ordensleuten hatte
Marc Luy daher eine Bevölkerungsgruppe gefunden, deren
Lebenserwartung fast ausschließlich von den biologischen
Faktoren abhängt. Also überprüfte er die Lebensdaten von
fast 12.000 Nonnen und Mönchen und kam zu einem
erstaunlichen Ergebnis: männliche Geistliche leben im
Durchschnitt nur ein bis zwei Jahre kürzer als die Nonnen.
Und diese werden genauso alt wie Frauen, die nicht im
Kloster leben. Mönche können sich also über ein vier bis
fünf Jahre längeres Leben freuen als ihre Geschlechtsgenossen
jenseits der Klostermauern.
Fünf gute Gründe
Dank der Klosterstudie und einer vergleichbaren Untersuchung
in Frankreich sind sich die Fachleuten inzwischen
einig: für den größten Teil der unterschiedlichen Lebenserwartung
der Geschlechter sind die verhaltens- und
umweltbedingten Faktoren verantwortlich. Unter diesen
lassen sich fünf Hauptgründe finden, warum Männer
außerhalb der Klöster früher sterben:
1) Der wichtigste Faktor: Mönche rauchen viel seltener als Männer außerhalb der
Klöster und trinken auch sehr viel weniger Alkohol. So beängstigend das klingt –
der Durchschnittsmann raucht und trinkt sich um sein Leben.
2) Das Tier im Manne. [ Anmerkung

]
Das „starke Geschlecht“ setzt sich mit Vorliebe und
besonders gern hohen Risiken aus. Egal ob beim Auto fahren, beim Sport oder bei
der Berufswahl: Männer setzen sich viel häufiger Gefahren aus als Frauen – und
natürlich auch als Mönche.
3) Pommes, Currywurst und Schokolade – Männer ernähren sich im Allgemeinen
mächtig ungesund. Die meisten essen zu viel und auch viel zu fett. Fast zwei Drittel
aller Männer haben mit mehr oder weniger Übergewicht zu kämpfen. Mönche hingegen
sind gehalten, sich beim Essen zu mäßigen, und werden aus Klosterküchen
verköstigt, in denen auf ausgewogene Ernährung geachtet wird.
4) Der gesellschaftliche Stress spielt eine wesentliche Rolle. Mönche leben ihr
Leben in festen sozialen Strukturen. Andere Männer dagegen kämpfen eigentlich
ständig um ihren beruflichen und sozialen Aufstieg – das verschleißt.
5) Auch das Leben in einer Familie bringt eine Menge Stress mit sich. Mönche müssen
sich keine Sorgen um die Finanzierung einer Familie machen, müssen keine
Energie in die Erziehung von Kindern stecken und bleiben von Beziehungskonflikten
verschont.
Der Trend kehrt sich um
Die unterschiedliche Lebenserwartung von Frauen und
Männern war aber nicht immer so hoch. Im Jahre 1871 lebten
die Frauen in Deutschland im Durchschnitt nur drei
Jahre länger. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der
Unterschied dann schnell größer. Sein Maximum erreichte
er Mitte der achtziger Jahre – mit gut sieben Jahren.
Inzwischen schließt sich die Lücke zwischen Frauen und
Männern wieder ein wenig. Das liegt vor allem daran, dass
Frauen inzwischen sehr viel mehr rauchen und häufiger
dem Alkohol zusprechen als noch vor wenigen Jahren.
Natürlich spielt auch eine Rolle, dass heute deutlich mehr
Frauen arbeiten gehen und so dem Stress genauso ausgesetzt
sind wie Männer. Alles in allem holen Frauen auf, was
den männlichen Lebensstil angeht – mit sämtlichen Vorund
Nachteilen.